Unter der heutigen Großbaustelle am Bahnhof Köpenick liegt ein kaum sichtbares Kapitel der lokalen Geschichte. Im Vorfeld des Umbaus zum Regionalbahnhof wurden am Stellingdamm umfangreiche bauliche Spuren eines Lagers untersucht, in dem während der NS-Zeit mehr als 800 Menschen untergebracht waren. Es handelte sich um ein Zwangsarbeitslager der Deutschen Reichsbahn.
Neu ist dabei nicht die Existenz des Lagerstandorts. Er war unter der historischen Adresse Dahlwitzer Straße 18 bereits in der Lagerdatenbank des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit verzeichnet. Neu sind die archäologischen Untersuchungen: Sie machen materielle Spuren eines Ortes greifbar, über dessen Bewohnerinnen und Bewohner bislang nur wenig öffentlich bekannt ist.
Auf einen Blick: Was derzeit gesichert ist
Rund 15 Baracken
Diese Größenordnung nennt das Bezirksamt für das Lager entlang des heutigen Stellingdamms.
828 Menschen
Diese Belegungszahl führt die Lagerdatenbank. Sie erklärt nicht, ob alle Menschen gleichzeitig dort lebten.
Sieben Herkunftsangaben
Belgien, Slowakei, Tschechien, Polen, Sowjetunion, Frankreich und Niederlande sind verzeichnet.
3. September
Gregor Döhner und Roland Borchers stellen Grabung und historischen Kontext öffentlich vor.
Was die Bauarbeiten sichtbar machten
Die archäologischen Arbeiten fanden im Vorfeld des Umbaus des Bahnhofs Köpenick statt. Nach Angaben des Bezirksamts kamen umfangreiche bauliche Spuren des Reichsbahnlagers zum Vorschein. Die Grabung leitete der Archäologe Gregor Döhner.
Die bisherige Presseinformation veröffentlicht weder einen vollständigen Grabungsplan noch eine Liste aller Befunde. Deshalb wäre es voreilig, dem Köpenicker Standort bestimmte Fundarten oder konkrete Barackenfunktionen zuzuschreiben. Öffentlich belegt ist bislang ein persönlicher Gegenstand: Das Bezirksamt zeigt einen kupfernen Ring mit Herz und Initialen. Wem er gehörte, wofür die Initialen stehen und in welchem genauen Zusammenhang er gefunden wurde, ist noch nicht veröffentlicht.
Gerade diese Zurückhaltung ist wichtig. Archäologische Spuren können den Aufbau eines Lagers, Wege, Gebäude und Alltagsgegenstände dokumentieren. Sie ersetzen aber nicht die Namen und Lebensgeschichten der Menschen. Der Ring deutet eine individuelle Geschichte an; ohne weitere Forschung darf sie nicht erfunden werden.
Welches Lager war das?
Die Lagerdatenbank des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit führt den Standort unter Dahlwitzer Straße 18. Als weitere Bezeichnungen stehen dort „Reichsbahnlager“ und „Stellingdamm“, als Institution ist die Deutsche Reichsbahn angegeben.
Für den Standort verzeichnet die Datenbank eine Belegung von 828 Personen. Genannt werden Menschen aus Belgien, der Slowakei, Tschechien, Polen, der Sowjetunion, Frankreich und den Niederlanden. Die Datenbank sagt an dieser Stelle nicht, ob die Zahl eine gleichzeitige Höchstbelegung, einen Stichtag oder eine andere Form der historischen Erfassung bezeichnet. Im Beitrag wird sie deshalb nicht als abschließende Gesamtzahl ausgegeben.
Auch der Begriff „Herkunft“ braucht Vorsicht: Die historischen Verwaltungsquellen ordneten Menschen nach damaligen Staaten, Besatzungsgebieten und rassistischen Kategorien ein. Die Datenbank macht diese Angaben recherchierbar, doch sie erzählen noch nichts über einzelne Biografien, Sprachen, Familien oder Wege nach Berlin.
Das Lager war bekannt – die materiellen Spuren sind neu
In ersten Meldungen kann leicht der Eindruck entstehen, das Lager sei erst durch die Baustelle entdeckt worden. Das trifft so nicht zu. Sein Standort und die Belegungsangaben waren bereits dokumentiert. Die Grabung erweitert dieses Aktenwissen um bauliche und persönliche Spuren im Boden.
Diese Unterscheidung ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Schriftliche Unterlagen zeigen, was Behörden und Unternehmen erfassten. Archäologische Befunde können sichtbar machen, wie ein Lager räumlich organisiert war und welche Dinge dort zurückblieben. Erst das Zusammenspiel verschiedener Quellen erlaubt eine genauere Annäherung an den Ort.
Die Lagerdatenbank selbst befindet sich weiterhin im Aufbau. Sie erfasst derzeit mehr als 2.000 von geschätzt rund 3.000 Lagern und Sammelunterkünften im damaligen Berlin. Auch deshalb sind Datenbankeinträge ein Ausgangspunkt für Forschung und keine vollständige Lagerchronik.

Nicht mit anderen Lagerstandorten verwechseln
Im heutigen Treptow-Köpenick gab es zahlreiche Unterkünfte und Einsatzorte der NS-Zwangsarbeit, darunter weitere Lager der Reichsbahn. Zahlen, Berichte und Fundstücke anderer Standorte dürfen deshalb nicht auf das Reichsbahnlager am Stellingdamm übertragen werden.
Das gilt auch für das Foto der erhaltenen Baracken in diesem Beitrag. Es zeigt das heutige Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit an der Britzer Straße in Niederschöneweide. Dieses fast vollständig erhaltene Barackenensemble ist ein anderer historischer Lagerstandort. Das Bild dient hier als sorgfältig gekennzeichneter Kontext dafür, wie selten bauliche Zeugnisse der NS-Zwangsarbeit im heutigen Stadtbild geworden sind.
Die Dimension im Bezirk und in Berlin
Rund 500.000 Menschen mussten während des Zweiten Weltkriegs in Berlin Zwangsarbeit leisten. Die Unterkünfte reichten von großen Barackenlagern bis zu Gasthäusern, Sälen und Wohnungen. Für das Gebiet des heutigen Treptow-Köpenick nennt die lokale Museumsdarstellung für 1944 mehr als 26.000 ausländische Arbeitskräfte in 230 Unterkünften.
Diese Bezirkszahlen sind historischer Kontext, nicht die Bilanz des Köpenicker Reichsbahnlagers. Sie zeigen jedoch, dass Zwangsarbeit keine Randerscheinung war. Sie gehörte zur Kriegswirtschaft und zur städtischen Infrastruktur und fand inmitten des damaligen Alltags statt.
Die Deutsche Bahn beschreibt die Reichsbahn mit Beginn des Zweiten Weltkriegs als vollständig zum Werkzeug des NS-Regimes geworden. Für den Standort Stellingdamm ist die Reichsbahn als zugeordnete Institution belegt. Welche konkreten Arbeiten die dort untergebrachten Menschen verrichten mussten und welchen Dienststellen sie zugeteilt waren, ist bislang nicht öffentlich dokumentiert.
Warum Archäologie an solchen Orten wichtig ist
Viele ehemalige Lager sind nach 1945 weitergenutzt, umgebaut oder abgerissen worden. Oberirdisch ist oft nichts mehr zu erkennen. Das Landesdenkmalamt Berlin und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit haben deshalb 2025 ein zweijähriges Projekt begonnen, um erhaltene ober- und unterirdische Spuren systematisch zu erfassen.
Der Bahnhof Köpenick zeigt, warum diese Arbeit drängt: Große Bauvorhaben greifen tief in Flächen ein, deren NS-Geschichte im heutigen Straßenbild nicht erkennbar ist. Archäologie kann die letzten materiellen Zeugnisse dokumentieren, bevor sich der Ort erneut grundlegend verändert.
Was noch offen ist
Zurzeit fehlen öffentlich belastbare Angaben zu mehreren zentralen Fragen:
- Wann wurde das Lager eingerichtet und wann aufgelöst?
- Wie genau waren die rund 15 Baracken angeordnet und genutzt?
- Waren 828 Menschen gleichzeitig dort oder bildet die Zahl einen anderen Erfassungsstand ab?
- Welche Tätigkeiten mussten die Bewohnerinnen und Bewohner für welche Reichsbahnstellen verrichten?
- Welche Namen und Biografien lassen sich den historischen Angaben zuordnen?
- Welche weiteren Funde wurden geborgen und was geschieht mit ihnen?
- Welche Befunde konnten erhalten werden und welche wurden nach der Dokumentation überbaut?
Diese Lücken sind kein Mangel des Beitrags, sondern der aktuelle Forschungsstand.
Vortrag und Diskussion am 3. September 2026
Die Museen Treptow-Köpenick und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit stellen die Grabung öffentlich vor. Gregor Döhner berichtet über die archäologischen Untersuchungen; Roland Borchers ordnet das Thema NS-Zwangsarbeit in Berlin ein.
- Wann: Donnerstag, 3. September 2026, 17 Uhr
- Wo: Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche, Puchanstraße 12, 12555 Berlin
- Eintritt: frei
- Anmeldung: nicht erforderlich
Quellen und weiterführende Informationen
- Bezirksamt Treptow-Köpenick: Archäologische Ausgrabungen auf dem Gelände eines Zwangsarbeiterlagers
- Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit: Lagerdatenbank – dort nach „Dahlwitzer Straße 18“ suchen
- Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit: Informationen und Grenzen der Lagerdatenbank
- Museen Treptow-Köpenick: NS-Zwangsarbeit im Bezirk
- Landesdenkmalamt Berlin: Forschungsprojekt zu NS-Zwangsarbeitslagern
- Deutsche Bahn: Die Reichsbahn im Nationalsozialismus
- Senatsverwaltung: Lage und Geschichte des ehemaligen Güterbahnhofs Köpenick
